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Das Journal des DAVINCI RechenzentrumsMittwoch, 30. September 2026127 Beiträge · 14 Ressorts

DAVINCI Journal

Cloud & Infrastruktur

Cloud-Migration: Welche Systeme zuerst – und welche besser gar nicht

Nicht jede Anwendung gehört in die Cloud. Eine ehrliche Sortierung nach Nutzen und Aufwand verhindert Projekte, die viel kosten und wenig bringen.

Serverinfrastruktur und Cloud-Anbindung
Symbolbild, künstlich erzeugtStand der Angaben: September 2026

Migrationsprojekte scheitern selten an der Technik und häufig an der Reihenfolge. Wer mit dem komplexesten System beginnt – meist der Branchensoftware mit zwanzig Jahren Historie –, verbrennt Budget und Geduld, bevor der erste sichtbare Nutzen entsteht.

Dieser Beitrag behandelt deshalb die Frage, die vor jedem Umzug steht: welche Systeme überhaupt verlagert werden, in welcher Reihenfolge und auf welchem Weg. Wie der Umzug eines einzelnen Servers technisch abläuft, mit Parallelbetrieb, Umschaltfenster und Rückweg, ist ein eigenes Handwerk. Hier geht es um das Gesamtbild – um die Frage, welche Anwendungen in den nächsten Jahren wohin gehören.

Erst das Verzeichnis, dann die Reihenfolge

Grundlage ist ein vollständiges Verzeichnis der Anwendungen, nicht der Server. Für jede Anwendung wird festgehalten, wer sie fachlich verantwortet, wie viele Personen damit arbeiten, welche Daten sie verarbeitet und wie lange ein Ausfall tragbar wäre. Hinzu kommen technische Angaben: Alter und Supportstatus, Schnittstellen zu anderen Systemen, Datenmenge und die Frage, ob der Hersteller einen Cloud-Betrieb unterstützt und lizenziert.

Dieses Verzeichnis ist mehr als eine Vorarbeit für das Projekt. Es beantwortet später auch Fragen aus Notfallplanung, Datenschutz und Lizenzprüfung – und es zeigt häufig Anwendungen, von denen die Geschäftsführung nicht wusste, dass sie noch in Betrieb sind.

Nutzen gegen Aufwand

Bewerten Sie jedes System nach zwei Achsen: Wie groß ist der erwartete Nutzen einer Verlagerung, und wie hoch ist der Aufwand? Daraus ergeben sich vier Gruppen:

  • Hoher Nutzen, geringer Aufwand: Diese Systeme kommen zuerst – typischerweise E-Mail, Dateiablage und Zusammenarbeit. Sie zeigen früh Wirkung und schaffen Erfahrung für die schwierigeren Schritte.
  • Hoher Nutzen, hoher Aufwand: Das sind die eigentlichen Projekte. Sie brauchen eine eigene Planung, meist die Mitwirkung des Softwareherstellers und einen realistischen Zeitrahmen.
  • Geringer Nutzen, geringer Aufwand: Kandidaten für eine spätere Welle – oder für die Stilllegung, falls sie ohnehin kaum noch genutzt werden.
  • Geringer Nutzen, hoher Aufwand: Diese Systeme bleiben, wo sie sind. Das ist kein Scheitern, sondern eine Entscheidung.

Nutzen bedeutet dabei nicht nur Kostenersparnis. Er kann in besserer Erreichbarkeit für Mitarbeiter unterwegs liegen, im Wegfall eigener Hardware, die sonst ersetzt werden müsste, oder in Sicherheitsfunktionen, die im eigenen Betrieb schwer zu erreichen sind. Aufwand umfasst neben der Technik auch Schulung, geänderte Abläufe und die Zeit der Fachabteilungen, die in keinem Angebot auftaucht.

Eine typische Situation im Mittelstand: ein eigener Exchange-Server, ein Dateiserver, eine über viele Jahre gewachsene Warenwirtschaft, CAD-Arbeitsplätze mit großen Konstruktionsdateien und eine Zeiterfassung mit Terminals in der Halle. Beim Mailserver ist eine Entscheidung ohnehin fällig, weil die erweiterten Sicherheitsupdates für Exchange Server 2016 und 2019 zum 31. Oktober 2026 enden. Die Dateiablage folgt, sobald Berechtigungen bereinigt sind. Die Warenwirtschaft wird ein eigenes Projekt mit dem Hersteller. CAD und Zeiterfassung bleiben vorerst lokal – große Dateien und Geräte vor Ort sprechen gegen eine Verlagerung.

Fünf Wege für jedes System

Ist entschieden, dass ein System sich bewegt, stellt sich die Frage nach dem Wie. Die Fachliteratur kennt dafür mehrere Grundmuster; für mittelständische Umgebungen lassen sie sich auf fünf verdichten:

  • Unverändert umziehen: Der Server wird als virtuelle Maschine in die neue Umgebung übertragen. Das geht schnell, nutzt aber kaum Vorteile der Zielplattform und übernimmt alle bestehenden Schwächen.
  • Anpassen: Die Anwendung bleibt, nutzt aber Plattformdienste, etwa eine vom Anbieter betriebene Datenbank statt eines selbst gewarteten Datenbankservers.
  • Ersetzen: Die Anwendung wird durch vergleichbare Software als Dienst abgelöst. Das spart Betrieb, verlangt aber Datenübernahme und oft neue Abläufe.
  • Stilllegen: Kaum noch genutzte Anwendungen werden abgeschaltet, ihre Daten für die gesetzlichen Aufbewahrungsfristen lesbar archiviert.
  • Belassen: Das System bleibt lokal – bewusst, mit Begründung und mit einem Termin, zu dem die Entscheidung erneut geprüft wird.

Ein verbreiteter Fehler an dieser Stelle ist, alles unverändert umzuziehen, weil es am schnellsten geht. Dann laufen dieselben Server mit denselben Schwächen an einem anderen Ort – nur mit einem anderen Kostenmodell. Umgekehrt ist nicht jede Anwendung einen Umbau wert: Für ein System, das in zwei Jahren ohnehin abgelöst wird, ist der unveränderte Umzug oft die vernünftigste Lösung.

Wann lokal die bessere Wahl bleibt

  • Anwendungen mit sehr hohen Anforderungen an Antwortzeiten in der Produktion.
  • Software, deren Hersteller keinen Cloud-Betrieb unterstützt oder lizenziert.
  • Systeme mit direkter Kopplung an Maschinen oder Spezialhardware.
  • Umgebungen, in denen der Internetanschluss nicht redundant ausgelegt ist.

Der letzte Punkt wird am häufigsten unterschätzt: Wer Kernsysteme auslagert, macht die Internetanbindung zur kritischsten Komponente des Unternehmens. Eine zweite, unabhängige Leitung ist dann keine Luxusausgabe, sondern Voraussetzung. Ebenso gehört die Frage auf den Tisch, was bei einem Ausfall der Anbindung geschieht: Welche Abteilungen können weiterarbeiten, und wie lange?

Statt eines großen Stichtags bewährt sich eine Folge kleiner Wellen, jede mit eigenem Abschluss und kurzer Rückschau. Nach jeder Welle wird das Verzeichnis neu bewertet; Aufwände werden realistischer, Nutzen wird sichtbarer. Die Geschäftsführung sollte vor allem auf zwei Dinge achten: dass jede Welle einen fachlich Verantwortlichen hat und dass die Entscheidung „bleibt lokal“ genauso schriftlich festgehalten wird wie „wird verlagert“. Nur dann lässt sich in einigen Jahren nachvollziehen, warum die IT so aussieht, wie sie aussieht.

Verwandte Themen: Wer hier weiterdenkt, liest bei Private Cloud, digitale Souveränität und Cloud-Kosten weiter.

Quellen

  1. Sichere Nutzung von Cloud-Diensten · BSIamtlich
  2. Cloud-Nutzungsstrategie - Workshop · BSIamtlich
  3. Cloud Computing Grundlagen · BSIamtlich

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