Freitag, kurz nach 16 Uhr: Die Buchhaltung bekommt einen Anruf vom Geschäftsführer, die Stimme passt, der Tonfall auch, er sitzt angeblich in einer vertraulichen Verhandlung und braucht bis heute Abend eine Überweisung an einen neuen Partner. Einen solchen Deepfake erkennen Sie nicht am Klang, sondern am Muster: Dieser Beitrag erklärt, wie Deepfake-Anrufe ablaufen, warum eine vertraute Stimme kein Beweis mehr ist und mit welchen einfachen Regeln Sie verhindern, dass Geld das Haus verlässt. Er richtet sich an Geschäftsführung, Buchhaltung und alle, die Zahlungen auslösen oder freigeben.
Zur Abgrenzung: Hier geht es um Betrug mit gefälschten Stimmen und Videos. Wann Sie selbst erzeugte KI-Inhalte im Marketing kennzeichnen müssen, behandeln wir im Beitrag zur Deepfake-Kennzeichnung nach Artikel 50 KI-Verordnung.
Was ein Deepfake-Anruf ist
Als Deepfake bezeichnet man Audio- oder Videoinhalte, die mit KI so erzeugt oder verändert wurden, dass sie eine echte Person täuschend nachahmen. Die Stimmkopie entsteht durch Voice Cloning: Aus vorhandenem Sprachmaterial lernt eine KI Klang und Sprechweise einer Person und spricht damit beliebigen Text. Für eine solche Deepfake-Stimme reichen Angreifern oft Aufnahmen, die ohnehin öffentlich sind: ein Interview, ein Vortrag auf YouTube, ein Podcast, ein Imagevideo auf der Firmenwebsite. Bei Videokonferenzen kommen Gesicht und Mimik dazu.
Das Grundmuster ist alt und unter dem Namen CEO-Fraud bekannt: Jemand gibt sich als Chef aus und veranlasst eine Zahlung. Neu ist, dass die Täuschung nicht mehr nur per E-Mail läuft, sondern über einen Kanal, dem Menschen traditionell stärker vertrauen: die Stimme oder das Gesicht.
Wie weit das gehen kann, zeigt ein Fall, über den die Polizei in Hongkong Anfang 2024 berichtete. Ein Mitarbeiter der Finanzabteilung eines internationalen Konzerns nahm an einer Videokonferenz mit dem angeblichen Finanzvorstand und weiteren Kollegen teil. Alle Teilnehmer waren nach Angaben der Ermittler Fälschungen. Der Mitarbeiter führte anschließend 15 Überweisungen auf fünf Konten aus, insgesamt rund 200 Millionen Hongkong-Dollar, umgerechnet etwa 25 Millionen US-Dollar. Später wurde bekannt, dass es sich um das Ingenieurunternehmen Arup handelte. Der Betrug fiel erst auf, als der Mitarbeiter bei der Zentrale nachfragte.
So läuft ein typischer Angriff ab
Die meisten Fälle von Deepfake-Betrug folgen einem ähnlichen Drehbuch. Wer es kennt, erkennt es leichter wieder.
- Vorbereitung: Die Täter sammeln Informationen. Wer ist Geschäftsführer, wer macht die Buchhaltung, welche Projekte laufen, wann ist der Chef auf Reisen? Vieles davon steht auf der Website, in Pressemitteilungen oder in Karrierenetzwerken.
- Anbahnung: Oft kommt zuerst eine E-Mail oder Chatnachricht, die einen Anruf ankündigt: „Ich melde mich gleich telefonisch, es ist vertraulich." Das senkt die Skepsis, wenn das Telefon dann klingelt.
- Der Anruf: Die gefälschte Stimme spricht über ein konkretes Thema, nennt Namen und baut Druck auf. Häufig kommt die Nummer unterdrückt, von einem Mobiltelefon oder als angebliche Auslandsnummer. Die Rufnummernanzeige selbst kann ebenfalls gefälscht sein.
- Die Bitte: Eine eilige Überweisung, eine geänderte Bankverbindung, die Freigabe einer Zahlung am Vier-Augen-Prinzip vorbei oder die Weitergabe von Zugangsdaten.
- Absicherung der Täter: Verschwiegenheit („Bitte noch mit niemandem sprechen"), Zeitdruck („Heute noch, sonst platzt der Deal") und Erreichbarkeit nur über den Kanal der Täter.
Diese Merkmale sind wichtiger als die Frage, ob die Stimme ein wenig blechern klingt. Moderne Stimmkopien sind am Telefon kaum von der echten Person zu unterscheiden, gerade bei schlechter Verbindung oder Hintergrundgeräuschen.
Deepfake erkennen: Warum Stimme und Gesicht kein Beweis mehr sind
Viele Unternehmen haben ihre Prozesse auf eine stille Annahme gebaut: Wenn der Chef anruft und ich ihn erkenne, ist es der Chef. Diese Annahme trägt nicht mehr. Es ist auch nicht sinnvoll, Mitarbeitern beizubringen, Fälschungen am Klang zu erkennen. Das klappt manchmal, aber nicht verlässlich, und es verlagert die Verantwortung auf eine einzelne Person in einer Stresssituation.
Trotzdem gibt es Anzeichen, an denen Sie einen Deepfake erkennen können: unnatürliche Pausen oder eine Verzögerung, bevor der Anrufer antwortet, eine Betonung, die nicht zum Inhalt passt, ausweichende Antworten auf persönliche Rückfragen, in Videokonferenzen Lippen, die nicht zum Ton passen, eine starre Mimik oder ein Bild, das bei Kopfbewegungen ruckelt. Solche Hinweise sind ein Grund, aufzulegen und zurückzurufen. Sie sind kein Beweis, und ihr Fehlen ist keine Entwarnung.
Die bessere Strategie: Der Kanal, über den eine Bitte hereinkommt, entscheidet nie allein über eine Zahlung. Entscheidend ist ein Prozess, der unabhängig davon funktioniert, wie überzeugend der Anrufer wirkt.
Die Rückrufregel
Die wirksamste Einzelmaßnahme ist einfach: Bei jeder ungewöhnlichen Bitte um Geld, Bankdaten oder Zugänge wird aufgelegt und zurückgerufen. Und zwar nicht unter der Nummer, die der Anrufer nennt oder die im Display stand, sondern unter einer Nummer, die vorher bekannt war: Telefonliste im Intranet, hinterlegte Mobilnummer, Durchwahl des Sekretariats.
Damit die Regel im Ernstfall greift, muss sie ausdrücklich von oben kommen. Die Geschäftsführung sollte schriftlich festhalten: „Wer mich zurückruft, um eine Anweisung zu bestätigen, macht alles richtig. Ich werde nie verlangen, diesen Schritt zu überspringen." Ohne diese Rückendeckung traut sich kaum jemand, den Chef scheinbar zu verärgern.
Ist der echte Geschäftsführer nicht erreichbar, wird die Zahlung nicht ausgeführt. Ein seriöser Geschäftspartner wartet eine Stunde, ein Betrüger nicht.
Ein Codewort für Ausnahmesituationen
Ergänzend kann ein Codewort helfen, etwa für Situationen, in denen ein Rückruf tatsächlich schwierig ist. Das Codewort wird persönlich vereinbart, nirgends digital gespeichert und nur einem kleinen Kreis bekannt gemacht. Es sollte nicht erratbar sein, also weder der Name des Hundes noch das Gründungsjahr.
Wichtig ist die Einordnung: Ein Codewort ersetzt den Freigabeprozess nicht. Es ist eine zusätzliche Hürde. Wird es einmal im Gespräch genannt, auch versehentlich, wird es ausgetauscht. Und: Fragt jemand am Telefon „Wie war noch mal unser Codewort?", ist das selbst ein Alarmsignal.
Ein Freigabeprozess, der Druck standhält
Die Rückrufregel schützt den Moment. Der Freigabeprozess schützt die Zahlung. Bewährt haben sich diese Bausteine:
- Vier-Augen-Prinzip im Banking: Zahlungen ab einem festgelegten Betrag brauchen eine zweite Freigabe im Onlinebanking, technisch erzwungen und nicht nur als Regel auf Papier.
- Kein Umgehen auf Zuruf: Niemand, auch nicht die Geschäftsführung, kann den Prozess per Anruf, Chat oder E-Mail aussetzen.
- Neue Empfänger und geänderte Bankdaten: Werden immer über einen bekannten Kontakt beim Empfänger geprüft. Wie das bei Lieferanten konkret aussieht, beschreiben wir im Beitrag Neue Bankverbindung per Mail.
- Eilzahlungen außerhalb des Üblichen: Brauchen eine dokumentierte Begründung und eine zweite Person, die nicht unter Druck gesetzt wurde.
- Klare Zuständigkeit: Jeder weiß, wer bei Verdacht sofort informiert wird, idealerweise auch außerhalb der Geschäftszeiten.
Wenn es schon passiert ist
Ist eine Zahlung bereits raus, zählt Zeit. Rufen Sie sofort Ihre Bank an und lassen Sie einen Rückruf der Überweisung versuchen. Informieren Sie die Geschäftsführung über einen bekannten Kanal, sichern Sie Anrufprotokolle, E-Mails und Chatnachrichten und erstatten Sie Anzeige bei der Polizei. Prüfen Sie außerdem, ob Zugangsdaten herausgegeben wurden, und lassen Sie diese sperren; die wichtigsten Sofortmaßnahmen fasst unsere Seite zu den ersten 24 Stunden nach einem Vorfall zusammen. Ob eine Cyberversicherung greift und welche Meldungen nötig sind, klären Sie im Einzelfall mit Versicherer und Rechtsberatung.
Checkliste: erste Schritte
- Rückrufregel schriftlich festlegen und von der Geschäftsführung ausdrücklich unterstützen lassen.
- Eine aktuelle Telefonliste mit verifizierten Nummern für Geschäftsführung und Finanzbereich bereitstellen.
- Vier-Augen-Freigabe im Onlinebanking technisch aktivieren und Betragsgrenzen festlegen.
- Ablauf für geänderte Bankverbindungen und neue Zahlungsempfänger verbindlich regeln.
- Für einen kleinen Kreis ein Codewort persönlich vereinbaren und Austauschregeln festlegen.
- Prüfen, welche Audio- und Videoaufnahmen der Geschäftsführung öffentlich sind, und bewusst entscheiden, was bleibt.
- Buchhaltung, Assistenz und Empfang mit einem konkreten Rollenspiel schulen.
- Einen klaren Meldeweg für Verdachtsfälle bekannt machen, auch für Abende und Wochenenden.
Wie DAVINCI unterstützt
Wir helfen Ihnen, Rückrufregeln und Freigabeprozesse praxistauglich festzulegen, und schulen Ihre Mitarbeiter mit realistischen Szenarien in unserer Phishing- und Awareness-Schulung. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Unternehmen bei Social Engineering heute steht, sprechen Sie uns an.
Häufige Fragen
Wie kann ich einen Deepfake am Telefon erkennen?
Verlässlich gar nicht, deshalb sollte die Erkennung nie die einzige Schutzlinie sein. Achten Sie auf das Muster: Druck, Vertraulichkeit, ein neuer Zahlungsempfänger, ein ungewohnter Kanal. Stellen Sie eine persönliche Rückfrage, die nur die echte Person beantworten kann, und beenden Sie bei jedem Zweifel das Gespräch, um über die bekannte Nummer zurückzurufen.
Kann eine Software Deepfake-Anrufe zuverlässig erkennen?
Es gibt Erkennungswerkzeuge, aber keines, auf das Sie sich bei einem normalen Telefonanruf verlassen sollten. Die Qualität der Fälschungen entwickelt sich schnell weiter. Ein Prozess mit Rückruf und Vier-Augen-Prinzip funktioniert dagegen unabhängig davon, wie gut die Fälschung ist.
Sind kleine Unternehmen überhaupt ein Ziel?
Ja. Gerade in kleineren Firmen kennt jeder die Stimme des Chefs, und Zahlungen laufen oft über wenige Personen ohne festen Freigabeprozess. Das macht die Täuschung einfacher, nicht schwieriger.
Sollten wir Videos der Geschäftsführung von der Website nehmen?
Nicht zwingend. Ganz verhindern lässt sich öffentliches Material ohnehin nicht. Sinnvoller ist es, die Prozesse so zu bauen, dass eine gefälschte Stimme allein keinen Schaden anrichten kann. Eine bewusste Prüfung, welche Aufnahmen wirklich nötig sind, schadet trotzdem nicht.
Was, wenn der Chef tatsächlich dringend eine Zahlung braucht?
Dann ruft die Buchhaltung ihn unter seiner bekannten Nummer zurück und holt die zweite Freigabe ein. Das kostet Minuten. Ein Prozess, der nur funktioniert, solange es nicht eilt, ist kein Prozess.
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