Zum Inhalt springen
0621 877 55 990

Das Journal des DAVINCI RechenzentrumsFreitag, 2. Oktober 2026153 Beiträge · 14 Ressorts

DAVINCI Journal

Rechenzentrum & Colocation

Eine Woche Diesel: Was Notstrom im Rechenzentrum wirklich bedeutet – und was ein Serverraum stattdessen hat

Sechs Generatoren, über 100.000 Liter Kraftstoff, ein monatlicher Test unter Last – so beschreibt der Betreiber des Rechenzentrums unseres Partners seine Stromversorgung. Der Serverraum im Büro hat eine USV für zwanzig Minuten. Zwischen beiden liegt nicht nur Geld, sondern eine Frage, die bei Stromausfällen sehr konkret wird: Wer schaltet was wann ab?

Korridor eines Rechenzentrums mit Serverschränken
Symbolbild, künstlich erzeugtStand der Angaben: Oktober 2026

Der Stromausfall, der einem Betrieb wirklich wehtut, dauert nicht zwanzig Sekunden. Er dauert vier Stunden, an einem Dienstagnachmittag, weil ein Bagger drei Straßen weiter eine Leitung getroffen hat. In den ersten Minuten läuft die USV im Serverraum, und alle warten. Nach einer Viertelstunde stellt sich die Frage, die niemand vorher beantwortet hat: Fahren wir die Server jetzt herunter, oder hoffen wir? Wer hofft und verliert, hat einen Datenbankserver, der mitten in einer Transaktion abgeschaltet wurde – und das ist der Schaden, nicht der Stromausfall.

Dieser Beitrag vergleicht zwei Antworten auf dieselbe Frage. Die eine ist die eines Rechenzentrums, das dafür gebaut ist, nicht abzuschalten. Die andere ist die eines Serverraums im Büro, der dafür gebaut sein sollte, geordnet abzuschalten. Beide sind legitim; die meisten Betriebe haben aber die zweite Situation mit der Erwartung der ersten.

Was ein Rechenzentrum dafür aufwendet

Das Rechenzentrum unseres Partners TERRA CLOUD in Hüllhorst beschreibt seine Stromversorgung im Katalog 2026/2027 so, und wir geben es als Herstellerangabe wieder: mehrere Einspeisungen aus dem Netz, acht Transformatoren, eine direkte Anbindung an ein Umspannwerk, getrennte Pfade für die unterbrechungsfreie Stromversorgung, redundante Stromschienen zu den Racks. Dahinter sechs Dieselgeneratoren mit über 100.000 Litern Kraftstoff – nach Herstellerangabe für eine Woche autarken Betrieb –, ein monatlicher Notstromtest und ein sogenannter Black-Building-Test, bei dem die Netzversorgung tatsächlich getrennt wird, um zu prüfen, ob das Gebäude unterbrechungsfrei auf Notstrom geht.

Das Ergebnis dieser Technik ist kein Versprechen, sondern eine Zahl im Service-Level: nach Herstellerangabe 99,98 Prozent Verfügbarkeit für Strom und Klimatisierung beim Housing, 99,95 Prozent für virtuelle Maschinen. Was dahinter steht, ist weniger die Technik als die Organisation: Jemand testet den Generator jeden Monat unter Last, jemand prüft den Kraftstoff, jemand hat einen Vertrag für Nachlieferung. Das ist der Teil, den ein Serverraum nicht hat – nicht, weil er keinen Generator hat, sondern weil niemand dafür zuständig ist, ihn zu testen.

Was ein Serverraum hat – und wofür

Die typische USV im Serverraum eines mittelständischen Betriebs trägt die Server zwischen zehn und dreißig Minuten. Das ist nicht zu wenig, wenn man versteht, wofür sie da ist: nicht um weiterzuarbeiten, sondern um die kurzen Ausfälle zu überbrücken – die Sekunden, in denen das Netz umschaltet – und bei langen Ausfällen die Server geordnet herunterzufahren, bevor die Batterie leer ist. Ein Datenbankserver, der ordentlich heruntergefahren wird, startet nach dem Stromausfall sauber. Einer, dem der Strom unter der laufenden Transaktion weggenommen wird, braucht eine Wiederherstellung.

Der Fehler liegt fast nie in der USV, sondern in dem, was danach kommt: Die USV ist nicht mit den Servern verbunden, oder sie ist es, aber der Befehl zum Herunterfahren ist nie eingerichtet oder nie getestet worden. Dann läuft die USV leer, die Server gehen hart aus, und die Batterie hat nur den Schaden um zwanzig Minuten verschoben. Das IT-Grundschutz-Kompendium beschreibt im Baustein für Serverräume genau diese Anforderung: Die USV muss nicht nur Strom liefern, sondern das geordnete Herunterfahren auslösen – und das muss geprobt sein.

Die eigentliche Entscheidung

Zwischen beiden Welten liegt keine Technikfrage, sondern eine Geschäftsfrage: Wie lange darf Ihr Betrieb bei einem Stromausfall stehen? Ein Handwerksbetrieb, dessen Werkstatt ohne Strom ohnehin nicht arbeitet, braucht Server, die geordnet herunterfahren und danach sauber starten. Ein Logistikunternehmen, dessen Lager an drei Standorten weiterläuft, während am Hauptsitz der Strom fehlt, braucht Server, die weiterlaufen – und die stehen dann nicht im Hauptsitz.

Das ist der stille Grund, warum Server in Rechenzentren ziehen: nicht die Rechenleistung, nicht der Preis, sondern die Frage, ob der Betrieb am Stromausfall des Bürogebäudes hängen soll. Ein Terminalserver in Hüllhorst läuft weiter, wenn in Mannheim der Strom fehlt; die Mitarbeiter arbeiten vom Homeoffice oder vom Zweitstandort weiter. Für NIS2-Einrichtungen ist das die Pflicht aus § 30 Abs. 2 Nr. 3 BSIG, die Aufrechterhaltung des Betriebs – und ein Rechenzentrum mit dokumentiertem Notstrom ist ihr einfachster Beleg.

Was in beiden Fällen zu tun ist

Wer die Server im Haus behält: USV mit Netzwerkkarte, verbunden mit jedem Server, Abschaltreihenfolge festgelegt – erst die Anwendungen, dann die Datenbanken, dann die Virtualisierungshosts, zuletzt die Speichersysteme –, und einmal im Jahr geprobt, indem man die USV tatsächlich vom Netz trennt. Dazu die Frage, wer nach dem Stromausfall was in welcher Reihenfolge einschaltet; das ist der Teil, der in den meisten Notfallplänen fehlt.

Wer die Server ins Rechenzentrum gibt: die Leitung dorthin bedenken. Wenn in Mannheim der Strom fehlt, fehlt auch die Firewall, über die das Büro zum Rechenzentrum kommt – der Server läuft, aber niemand erreicht ihn vom Büro aus. Die Antwort ist nicht ein Generator im Büro, sondern der Weg außen herum: Mitarbeiter mit Notebook und VPN können von überall weiterarbeiten, wo es Strom und Internet gibt. Das ist die Architektur, die aus einem Stromausfall einen Standortwechsel macht statt eines Stillstands.

Kurz gefasst

  • Ein Rechenzentrum ist gebaut, um nicht abzuschalten – nach Herstellerangabe in Hüllhorst mit sechs Generatoren, einer Woche Kraftstoff und monatlichem Lasttest.
  • Ein Serverraum ist gebaut, um geordnet abzuschalten – und das muss eingerichtet und geprobt sein, sonst verschiebt die USV den Schaden nur.
  • Die Entscheidung zwischen beiden ist eine Geschäftsfrage: Wie lange darf der Betrieb stehen, und von wo aus wird dann gearbeitet?
  • In beiden Fällen gehört die Reihenfolge – herunterfahren, wieder einschalten – in den Notfallplan, mit Namen und Probe.

Verwandte Themen: Wer hier weiterdenkt, liest bei USV, Redundanz und Dienstleisternachweis für Ihre Nachweismappe weiter.

Quellen

  1. TERRA CLOUD 2026/2027 – Katalog (Rechenzentrum, Service-Level, Backup, IaaS, Housing, S3, SPLA, CSP) · WORTMANN AG / TERRA CLOUD GmbH, Hüllhorst (Art.-Nr. 9999928)
  2. IT-Grundschutz-Kompendium, Baustein INF.2 Rechenzentrum sowie Serverraum · Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnikamtlich
  3. § 30 BSIG – Risikomanagementmaßnahmen · Bundesministerium der Justiz (gesetze-im-internet.de)amtlich

Verwandte Beiträge

Zur Titelseite →
Rechenzentrum & Colocation

Überbrückungszeit, Batterien und die Pflicht zu testen

Eine Notstromversorgung ist keine Anschaffung, sondern eine Betriebsaufgabe mit Prüffristen. Dieser Beitrag zeigt, wie die Überbrückungszeit hergeleitet wird, was Batterien brauchen und welche Nachweise vorliegen müssen.

Rechenzentrum & Colocation

Was ein Rechenzentrum in Ostwestfalen in Ihrer Nachweismappe zu suchen hat

Beleg 6 der Nachweismappe heißt Dienstleisternachweis: Wo laufen die Systeme, wer betreibt sie, welche Zertifikate gibt es? Für Häuser, deren Sicherung oder Server im Rechenzentrum unseres Partners in Hüllhorst liegen, lässt sich dieser Beleg mit Fundstellen füllen – wir gehen ihn Zeile für Zeile durch, und sagen, was er nicht belegt.

Rechenzentrum & Colocation

Wer physisch an die Server darf und wer das belegen muss

Wer im Serverraum steht, umgeht die meisten digitalen Schutzmaßnahmen. Dieser Beitrag zeigt, wie ein belastbares Zutrittskonzept aufgebaut ist und welche Nachweise Kunden von einem Rechenzentrumsbetreiber verlangen können.