Fast jeder Betreiber lädt zur Besichtigung ein, und fast jede Besichtigung verläuft gleich: ein Blick durch eine Glasscheibe, ein Hinweis auf die Leistung der Notstromanlage, ein Kaffee im Besprechungsraum. Dabei ist der Rundgang die einzige Gelegenheit, den Betrieb unmittelbar zu sehen, statt ihn aus Unterlagen zu erschließen. Wer vorbereitet hingeht, erfährt an einem Vormittag mehr als aus einem halben Jahr Korrespondenz.
Vorbereitung: was vorher auf den Tisch gehört
Bitten Sie vor dem Termin um drei Arten von Unterlagen. Erstens Nachweise, die den Standort beschreiben: Auslegung der Stromversorgung und Kühlung, verfügbare Leistung je Schrank, Brandschutzkonzept. Zweitens Protokolle, die den Betrieb belegen: Wartungsnachweise, Testprotokolle der Notstromversorgung, Auswertungen von Temperatur und Feuchte. Drittens die Kennzahlen zur Energie: Das Energieeffizienzgesetz verpflichtet Rechenzentren, die Leistungen für Kunden erbringen, deren jeweils zurechenbaren Jahresverbrauch offenzulegen. Diese Angabe können Sie also einfordern, statt um sie zu bitten.
Legen Sie zudem fest, wer mitgeht. Eine kaufmännische Person allein wird die Antworten nicht beurteilen können, eine technische allein nicht die vertraglichen Folgen. Ideal ist eine Besetzung aus zwei oder drei Personen mit vorher verteilten Beobachtungsaufgaben: eine achtet auf Ordnung und Zustand, eine auf die Antworten, eine schreibt mit. Nehmen Sie die Fragen auf Papier mit; wer sie aus dem Gedächtnis stellt, vergisst regelmäßig die unbequemen.
Die zwanzig Fragen
- Wie viele Sicherheitszonen durchlaufe ich von der Straße bis zu meinem Schrank, und wie wird an jeder Grenze nachgewiesen, wer ich bin?
- Wird jeder einzelne Zutritt erfasst, und lässt sich mir das im System zeigen?
- Wann lief die Netzersatzanlage zuletzt unter Last, wie lange, und darf ich das Protokoll sehen?
- Wie viel Brennstoff ist vorrätig, wann wurde er zuletzt geprüft, und wie ist die Nachlieferung vertraglich geregelt?
- Wann wurde die Batterie der unterbrechungsfreien Stromversorgung zuletzt geprüft, und welche Restkapazität wurde gemessen?
- Nach welchem Schema sind Strom und Kühlung ausgelegt, und an welcher Stelle endet die Trennung der Versorgungswege?
- Wie hoch ist die je Schrank verfügbare elektrische Leistung, und was geschieht, wenn ich sie überschreite?
- Wird der Stromverbrauch je Kunde gemessen oder rechnerisch verteilt, und auf welcher Ebene?
- Welchen Wert hatte die Energieverbrauchseffektivität im vergangenen Kalenderjahr, und wie wird sie gemessen?
- Wie oft und wann wurde die technische Infrastruktur zuletzt insgesamt getestet, und wurden dabei ganze Reaktionsketten geprüft?
- Wie schnell kann auf eine Meldung der Brandfrüherkennung reagiert werden, und wohin werden die Meldungen geleitet?
- Ist die Stelle, die Alarme annimmt, jederzeit erreichbar und personell in der Lage zu reagieren?
- Über wie viele physisch getrennte Wege ist das Gebäude an Telekommunikationsnetze angebunden, und wo liegen die Einführungen?
- Welche Leistungen erbringt Ihr Personal auf Auftrag an meinen Systemen, in welcher Zeit, und wie wird das dokumentiert?
- Wie werden Änderungen an der Infrastruktur geplant, freigegeben und mir angekündigt?
- Wie viele Störungen mit Auswirkung auf Kunden gab es in den letzten zwölf Monaten, und wie wurde darüber informiert?
- Welche Wachstumsreserve hat der Standort noch, bei Fläche, Strom und Kühlleistung?
- Wer sind die Nachbarn im Gebäude und auf dem Grundstück, und welche Risiken bringen sie mit?
- Wer darf den Raum betreten, wenn die Zutrittsanlage ausfällt oder die Feuerwehr anrückt, und was wird darüber festgehalten?
- Was passiert am Ende des Vertrags: Wie lange habe ich für den Auszug, und wer unterstützt dabei?
Zwanzig Fragen sind bewusst mehr, als sich in einem Rundgang beantworten lassen. Der Erkenntniswert liegt auch darin, welche Fragen sofort beantwortet werden, welche einen Anruf brauchen und welche in eine Nachreichung münden, die nie kommt.
Woran man einen gelebten Betrieb erkennt
Die aussagekräftigsten Beobachtungen stehen in keiner Unterlage. Achten Sie darauf, ob die Türen, die verschlossen sein sollen, tatsächlich verschlossen sind, oder ob eine mit einem Keil offen gehalten wird. Sehen Sie sich Prüfaufkleber an Feuerlöschern, Anlagen und Verteilungen an und vergleichen Sie die Daten mit den Protokollen, die man Ihnen gezeigt hat. Prüfen Sie, ob Brandschotten in Wanddurchführungen unversehrt und nach dem letzten Umbau wieder verschlossen sind.
Ein zweiter Blick gilt der Ordnung. Beschriftete Kabel, vollständig geschlossene Schrankreihen, keine losen Blenden, keine Kartons in Kaltgängen, keine Leiter im Fluchtweg: All das sagt nichts über die Qualität der Technik, aber viel über die Arbeitsweise der Menschen, die sie betreiben. Wo Papier, Verpackungsmaterial oder ausgebaute Altgeräte im Raum stehen, ist entweder die Regelung schwach oder ihre Durchsetzung.
Beachten Sie drittens, was über den Köpfen verläuft. Nach dem IT-Grundschutz dürfen in einem Rechenzentrum ausschließlich Leitungen liegen, die dort aufgebaute Technik versorgen; jede Ausnahme braucht eine schriftliche Begründung und Maßnahmen, die ihr Risiko klein halten. Eine Heizungsleitung über dem Serverschrank ist deshalb kein Detail, sondern eine Wasserquelle über Elektronik.
Ein weiteres Zeichen ist die Frage, ob man Ihnen die Anlagen tatsächlich zeigt. Ein Betreiber, der die Energiezentrale, den Batterieraum und die Kälteanlage aufschließt, hat nichts zu verbergen. Wer den Rundgang vor einer Glasscheibe endet, hat dafür entweder einen guten Grund, den er benennen kann, etwa die Trennung von Kundenbereichen, oder keinen. Ebenso aufschlussreich ist, wer Sie begleitet: Eine Führung durch eine Person aus dem technischen Betrieb ergibt andere Antworten als eine Führung durch den Vertrieb.
Achten Sie viertens auf die Not-Aus-Einrichtungen. Sie müssen so geschützt sein, dass sie nicht unbeabsichtigt oder unbefugt betätigt werden können, und sie sollen sinnvoll unterteilt sein, statt das gesamte Rechenzentrum abzuschalten. Ein ungesicherter roter Taster neben dem Lichtschalter ist ein einzelner Punkt, an dem ein unaufmerksamer Handgriff einen Ausfall erzeugt.
Fünf Beobachtungen, die skeptisch machen sollten
- Auf die Frage nach dem letzten Lasttest der Notstromanlage folgt eine Jahreszahl statt eines Datums und kein Protokoll.
- Der Rundgang führt ausschließlich durch Besucherbereiche und endet vor einer Glasscheibe, ohne dass eine Begründung genannt wird.
- Die Begleitung kann nicht sagen, wer Alarme außerhalb der Geschäftszeit annimmt.
- Störungen der letzten zwölf Monate werden pauschal verneint. Ein Betrieb ohne jede Störung ist unwahrscheinlicher als ein Betrieb mit gutem Umgang damit.
- Auf die Bitte um ein Wartungsprotokoll folgt der Hinweis, das sei vertraulich, ohne Angebot einer Einsicht unter Vertraulichkeitsvereinbarung.
Keine dieser Beobachtungen ist allein ein Ausschlussgrund. Zwei oder drei zusammen sind jedoch ein Hinweis darauf, dass Dokumentation und Betrieb auseinanderlaufen. Halten Sie deshalb nicht nur Antworten fest, sondern auch, wie sie zustande kamen.
Der Blick nach draußen
Verlassen Sie zum Abschluss das Gebäude und gehen Sie einmal darum herum. Wo liegt die Zufahrt für Tankwagen, und ist sie im Winter erreichbar? Wo stehen Kälteanlagen, und sind sie gegen Zugriff und Beschädigung gesichert? Wo führen die Telekommunikationsleitungen ins Haus, und liegen die Einführungen tatsächlich getrennt? Wer sind die Nachbarn, und welche Gefahren bringen sie mit, etwa Lagerflächen für brennbare Stoffe oder Betriebe mit starker Staubentwicklung?
Diese Beobachtungen ergänzen die Angaben aus dem Sicherheitskonzept um etwas, das kein Papier liefert: den Kontext. Das BSI behandelt Standortrisiken in eigenen Kriterien für die Standortwahl von Rechenzentren, und ein Teil dieser Risiken ist bei einem Rundgang um das Gebäude mit eigenen Augen erkennbar.
Nach dem Termin
Schreiben Sie am selben Tag ein kurzes Protokoll: gestellte Fragen, erhaltene Antworten, offene Punkte, Beobachtungen. Senden Sie die offenen Punkte mit einer Frist an den Betreiber. Wie diese Nachreichung verläuft, ist der letzte und oft wichtigste Teil der Prüfung, denn sie zeigt das Verhalten außerhalb der Verkaufssituation.
Wenn Sie mehrere Standorte besichtigen, verwenden Sie für alle dieselbe Liste und dieselbe Reihenfolge. Nur so entsteht ein Vergleich statt einer Sammlung von Eindrücken, die sich nach dem letzten Termin am besten erinnern. Hilfreich ist eine einfache Bewertung je Frage in drei Stufen: belegt, plausibel dargestellt, nicht beantwortet.
Unsere Einordnung: Der Unterschied zwischen einem gut dokumentierten und einem gut betriebenen Rechenzentrum liegt in den Nachweisen der letzten zwölf Monate, nicht in den Unterlagen zur Planung. Fragen Sie deshalb konsequent nach Datum, Protokoll und Ergebnis, und werten Sie eine ehrlich benannte Störung höher als die Behauptung, es habe nie eine gegeben.
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Quellen
- IT-Grundschutz-Kompendium, Baustein INF.2 Rechenzentrum sowie Serverraum (Edition 2023) · BSIamtlich
- Hochverfügbarkeit und Rechenzentrumssicherheit – Dokumente des BSI · BSIamtlich
- § 15 Energieeffizienzgesetz – Information und Beratung im Kundenverhältnis · Bundesministerium der Justizamtlich



